Leitbild für die Lehramtsausbildung an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen vom 25.01.2006

 

Präambel

Die Lehramtsausbildung ist ein wesentlicher Bestandteil der Lehre und Forschung an der RWTH. Die hohe Bedeutung dieses Ausbildungsbereichs für die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft wird von der RWTH mit Nachdruck betont; sie wirkt deshalb bei der Umsetzung laufender Reformprozesse aktiv mit und beteiligt sich maßgeblich an der Weiterentwicklung der Lehramtsausbildung durch standortspezifische Profilgebungen.
Bereits 1998 hat die RWTH Aachen ihre Vorstellungen zur Lehramtsausbildung in einem Leitbild dargelegt, dessen Grundsätze nun aufgegriffen und weitergeführt werden. „Die Qualität von Erziehung und Bildung“, so heißt es dort, „beeinflußt in besonderer Weise die Lebensperspektiven unserer Gesellschaft und deren Zukunftschancen: ihren sozialen Zusammenhalt, die Fähigkeit der Menschen, demokratisch und friedvoll miteinander zu leben, sowie ihr wirtschaftliches Fortbestehen.“
Davon ausgehend stellt das aktualisierte Leitbild die Schwerpunktsetzungen der RWTH in der Lehramtsausbildung dar. Als Beitrag zur Qualitätssicherung werden Zielvorgaben und Verpflichtungen für zentrale Akzentsetzungen in diesem Ausbildungsbereich festgelegt. Studierenden und Studieninteressierten bietet das Leitbild Information und
Orientierung.

Bildung und Ausbildung an der RWTH

Das Leitbild hat im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen zur Reform der Lehramtsausbildung eine komplementäre Funktion. Es hält langfristig gültige Grundsätze fest. Ausgangspunkt für diese Grundsätze ist die Rolle der RWTH als Stätte der Bildung und Ausbildung. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung der RWTH gegenüber ihren Absolventinnen und Absolventen wie gegenüber deren zukünftigen Arbeitgebern.
Unter diesem Gesichtspunkt setzt sich die RWTH für die Lehramtsausbildung zum Ziel, angehende Lehrerinnen und Lehrer so zu qualifizieren, dass sie in der Lage sind, schulische Bildung und Ausbildung auf hohem Niveau zu garantieren und Mitverantwortung für die Qualität von Bildungsprozessen unserer Gesellschaft zu übernehmen.
Damit betont die RWTH auch, dass die Kompetenz der Lehrerinnen und Lehrer von entscheidender Bedeutung
für die Vorbildung künftiger Studierender ist.

Lehramtsstudiengänge

Die RWTH bildet für Lehrämter an Berufskollegs sowie an Gymnasien und Gesamtschulen aus. Das breite Spektrum der an der RWTH angebotenen Fächer für ein Lehramtsstudium ermöglicht Studierenden auf vielfältige Weise, fachspezifische, fachübergreifende und interdisziplinäre Problemformulierungen und -lösungen kennen zu lernen. Des Weiteren eröffnet sich den Studierenden an der RWTH die Chance, in einer Umgebung mit Ingenieuren, Naturwissenschaftlern, Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern zu studieren, wobei Anwendungsorientierung und praktische Umsetzbarkeit theoretischer Erkenntnisse besonders betont werden.
Diese spezifischen Stärken sind als Kompetenzen der RWTH für die Lehramtsausbildung zu bewahren. So können künftige Lehrerinnen und Lehrer die Fähigkeit erwerben, Gemeinsamkeiten und Differenzen, aber auch das wechselseitige aufeinander Angewiesensein zentraler, das Zusammenleben der Menschen prägender Wissens- und Handlungsformen zu sehen und produktiv zu verarbeiten.
Der Beruf des Lehrers ist charakterisiert durch hohe Anforderungen an fachliche Kenntnisse, didaktische und pädagogische Kompetenz sowie persönliche Qualitäten. Reflexionsfähigkeit, Flexibilität und die Bereitschaft, das Lernen von Schülerinnen und Schülern professionell zu fördern und sie in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen, sind über eine Jahrzehnte dauernde Berufstätigkeit hin notwendig. Welchen konkreten inhaltlichen und pädagogischen Anforderungen künftige Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Berufsleben gerecht werden müssen, ist nur begrenzt vorhersehbar. In der Ausbildung ist deshalb ein solides Fundament an Wissen und Kompetenzen zu schaffen, das den Absolventinnen und Absolventen eine eigenständige Weiterentwicklung ermöglicht.
In der universitären Phase stehen wissenschaftliche Grundlagen und Theorien im Vordergrund. Sie sichern die Herausbildung wissenschaftlich fundierter Handlungskompetenz, die in späteren Phasen weiter entfaltet wird. Unabdingbar in der Lehramtsausbildung ist eine solide fachwissenschaftliche, erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Ausbildung, welche die Absolventinnen und Absolventen zur aktiven Auseinandersetzung mit ihren
Fachgebieten befähigt. Die Ausbildung erstreckt sich auf zwei Fächer und Erziehungswissenschaft, insofern ist ihr Umfang begrenzt. Von wesentlicher Bedeutung ist deshalb eine exemplarische Vertiefung auf hohem Niveau. Die RWTH betont den besonderen Stellenwert der fachwissenschaftlichen Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern als unverzichtbare Grundlage einer adäquaten Vorbereitung künftiger Schülergenerationen für Studium und Beruf. Sie unterstreicht ausdrücklich, dass die professionelle Förderung von Lernprozessen im Handlungsfeld Schule nicht allein auf Erfahrungslernen beruhen kann, sondern wissenschaftlich fundierte fachdidaktische und erziehungswissenschaftliche Kompetenz erfordert.

Berufsfeldorientierung

Die frühzeitige Begegnung mit dem Berufsfeld Schule ist unabdingbar, um exemplarisch die Umsetzung erworbenen Wissens für die Schulpraxis zu thematisieren und zu üben. Ziel der universitären Lehramtsausbildung an der RWTH kann jedoch nicht die voll entfaltete Berufsfertigkeit von Lehrerinnen und Lehrern sein.
Die Inhalte der fachwissenschaftlichen Ausbildung stehen auch in Wechselbeziehung zu aktuellen Inhalten des schulischen Unterrichts. Eine wesentliche Komponente der erziehungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Ausbildung ist die Vermittlung von Grundlagenwissen für professionelles Lehren und Lernen. Des Weiteren sollen, insbesondere in Verbindung mit schulischen Praxisphasen, Möglichkeiten und Grenzen der praktischen Umsetzbarkeit theoretischer Konzepte und Erkenntnisse erfasst und erworbene Kompetenzen für die Bewältigung schulpraktischer Problemstellungen erprobt werden.
Langfristiges Ziel dieser Form der Berufsfeldorientierung ist es, Verbindungen von Theorie und Praxis erfahrbar zu machen, die für systematische Ausdifferenzierungen in der zweiten und dritten Phase der Lehrerbildung offen sind.
Mit Blick auf die Perspektiven der Studierenden hat die RWTH ebenfalls sicherzustellen, dass sich ihren Absolventinnen und Absolventen auch in Berufsfeldern außerhalb der Schule gute Chancen eröffnen.

Lehrerbildungszentrum - LBZ

Das Lehrerbildungszentrum der RWTH Aachen wirkt als zentrale wissenschaftliche Einrichtung fachübergreifend an einer berufsfeldorientierten Lehramtsausbildung mit. Generelles Anliegen ist die Förderung und Begleitung eines fach- und institutionenübergreifenden Dialogs in der Lehrerbildung.
Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in der konzeptionellen Gestaltung theoriegeleiteter Praxisstudien an der RWTH sowie ihrer inhaltlichen Umsetzung im erziehungswissenschaftlichen Studium unter dem Leitgedanken des forschenden Lernens. Zur Intensivierung des Praxisbezugs werden darüber hinaus am Handlungsfeld zukünftiger Lehrerinnen und Lehrer orientierte Konzepte zum Einsatz neuer Medien in Schule und Unterricht entwickelt und erprobt. Einen weiteren Arbeitsschwerpunkt bildet die Koordination des RWTH-spezifischen Studienmoduls „Faszination Technik“.
Unter dem Leitgedanken „Faszination Technik“ absolvieren alle Lehramtsstudierenden der RWTH Aachen ein disziplinübergreifendes Studienmodul zur Technikbildung. Interdisziplinäre, fachwissenschaftliche, praktische und pädagogisch-didaktische Annäherungen und Auseinandersetzungen verdeutlichen den Facettenreichtum von Technik und die Relevanz ihrer gesellschaftlichen Einbettung.
Ziel ist es, bei den Studierenden eine technikoffene und verantwortungsbewusste Grundhaltung zu fördern, die sie befähigt, bei Schülerinnen und Schülern Technikinteresse zu wecken bzw. zu unterstützen.

Zusammenarbeit mit anderen Institutionen

Die erste Phase der Lehramtsausbildung umfasst Praxisstudien als wesentliche Komponente, und sie ist darüber hinaus als Grundlage für die zweite und dritte Phase zu sehen. Deshalb sucht die RWTH aktiv den Dialog und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen der Schul- und Lehrerbildung, insbesondere mit Schulen und Studienseminaren, aber auch mit Institutionen für außerschulische Praktika.

Fortbildung

Die kontinuierliche Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erhalt ihrer Kompetenzen und die Verbesserung der schulischen Ausbildung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der RWTH können fachliche Neuentwicklungen und Paradigmenwechsel in ihrer Relevanz für ihre künftige Bedeutung
in Industrie und Wirtschaft und auch für den künftigen Schulunterricht einschätzen und dieses Wissen weitergeben. Deshalb sieht die RWTH für sich eine Verpflichtung, regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen für Lehrerinnen und Lehrer in einem breiten Themenspektrum anzubieten. Dieses Angebot wird in den kommenden Jahren ausgeweitet
und vertieft.