Der Übergangsbegriff in der beruflichen Bildung : eine Dispositivanalyse zur berufspädagogischen Formierung von Übergängen im Zentrum disziplinärer Wissensordnungen

Hering, Sabine; Unger, Tim Daniel (Thesis advisor); Köhler, Sina-Mareen (Thesis advisor)

Aachen (2017, 2018) [Doktorarbeit]

Seite(n): 1 Online-Ressource (522 Seiten) : Illustrationen

Kurzfassung

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf dem Übergangsbegriff in der beruflichen Bildung. Damit fällt zunächst ein umfassender Gegenstandsbereich in den Blick, der aufgrund seiner Anbindung an zentrale gesellschaftliche Institutionen zwischen Bildung und Beschäftigung ganz unterschiedlichen Systemlogiken entsprechen muss. Übergangsphänomene werden daher häufig interdisziplinär und interparadigmatisch begründet. In der beruflichen Bildung werden Übergänge vorrangig auf bestimmte, institutionelle Schwellen bezogen, welche zwischen den lebensalterspezifischen Übergangsphasen von Schule, Ausbildung und Beruf angelegt sind. Auffällig ist die Dominanz systemischer Betrachtungen, die eng an die Struktur der abgehenden und einmündenden Institutionen gekoppelt sind. Darin eingebunden ist eine Perspektivenvielfalt, welche sich auf die symbiotische Beziehung von Struktur- und Subjektebene in der Analyse von Übergängen beziehen lässt. Wie Übergänge in der beruflichen Bildung wahrgenommen und disziplinär verhandelt werden, ist dabei dynamisch mit dem Wissenschaftsverständnis und Profil der Berufspädagogik und den jeweils vorherrschenden Wissensordnungen verwoben. Was ist damit gemeint? In der Perspektive der sozialwissenschaftlichen Dispositivanalyse wird angenommen, dass Wirklichkeit nicht objektiv gegeben ist, sondern sozial konstruiert und verändert wird. Alles das, was uns zu einer gegebenen Zeit als wahr, sichtbar und bedeutsam erscheint, wird durch das besondere Zusammenspiel der verschiedenen Elemente von Wirklichkeit bestimmt. Von Bedeutung ist die heterogene Gesamtheit sozialer Wirklichkeit, welche die besondere Form und Gestalt der Diskurse, Institutionen, Gebäude, Alltagsgegenstände, sozialen Handlungspraktiken, Gewohnheiten und (inter-)agierenden Subjekte mit einschließt. Aus der Perspektive der lebensalterbezogenen Übergänge könnte so bspw. von Interesse sein, wie Übergangsentscheidungen, z. B. zwischen Primar- und Sekundarbereich oder im Anschluss an die Schulzeit mit Blick auf die weiterführende berufliche Bildung, durch das Verhältnis von subjektiven Erwartungs- und Anspruchshaltungen und fest vorgegebenen Rationalitäten und Ordnungsmustern auf institutioneller Ebene bestimmt und gestaltet werden. Zu fragen wäre ebenso danach, warum sich geltende Praxisformen und Wissensordnungen zu einer bestimmten historisch-geschichtlichen Zeit herausformen und auf welche soziale Problemlage sie zu antworten bzw. zu reagieren versuchen (vgl. Bührmann/Schneider 2008, 105). Wie wir über ein Themenfeld denken und sprechen, welche Gewohnheiten und Umgangsweisen wir im Handeln entwickeln, wird entscheidend über das dispositive Wechselspiel der verschiedenen Facetten bzw. Elemente von Wirklichkeit beeinflusst. Ähnlich kann der Umgang mit (neuen) Phänomenbereichen im wissenschaftlichen Kontext bestimmt sein. Überträgt man die Annahmen der Dispositivanalyse auf den Bereich der beruflichen Übergangsforschung, kann z. B. danach gefragt werden, welche gesellschaftlichen Bedingungen und Problemlagen dazu beigetragen haben, dass sich in den vergangenen drei Dekaden in der Berufspädagogik ein Gegenstandsfeld etabliert hat, welches durch seine hohe Komplexität und Eigendynamik im Diskurs deutlich hervortritt. Bereits an dieser Stelle sei vorweggenommen, dass sich die Berufspädagogik in der Zuwendung auf die seit den 90iger Jahren verschärfte, gesellschaftliche Übergangsproblematik einer dispositiven Aufordnung fügt, in der sie beständig die gleichen Ziele und Rationalitäten bedient. Es dominieren disziplinär-normative Konstrukte und Leitbegriffe, die im Kontext einer sich verändernden gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht mehr den an sie gestellten Ansprüchen genügen können. Dies führt wiederum dazu, dass die Disziplin in der pädagogischen Begleitung und Auflösung der vielgestaltigen, an sie adressierten Übergangsprobleme an ihre Grenzen kommt. Um die sich darstellende soziale Wissenschafts- und Handlungspraxis sowie die dahinterstehende Eigendynamik zu verstehen, sind Ansätze erforderlich, die sich dieser Entwicklung empirisch nachvollziehbar zuwenden und Möglichkeiten zur Reflexion und Differenzbildung bieten. Bisher gibt es jedoch kaum Forschungsarbeiten, die sich mit der sozialen Aufordnung der Übergangsthematik in der Berufspädagogik diskurs- oder dispositivanalytisch auseinandergesetzt haben. Um der Forschungsperspektive der Dispositivanalyse nachgehen zu können, werden im Rahmen der Arbeit Übergänge in der Dimension der symbolisch-materialen und diskursiven Praktiken in den Blick genommen. Die Arbeit verfolgt dabei zwei Zielsetzungen: Erstens soll ein Beitrag zu einer verstärkt diskurs- und dispositivanalytisch orientierten Übergangsforschung geleistet werden. In der Arbeit wird daher ein methodologischer Weg gewählt, der von der üblichen Ausrichtung empirischer Übergangsstudien abstrahiert. Durch das Vorgehen der sozialwissenschaftlichen Dispositivanalyse soll Schritt für Schritt aufgezeigt werden, wie sich der Übergangsbegriff in der beruflichen Bildung entwickelt hat und wodurch seine Struktur und Vielgestaltigkeit bestimmt wird. Zweitens ist das analytische Fragen stets auf das disziplinäre Feld der Berufspädagogik bezogen. Ziel der Arbeit ist demgemäß, eine grundlagentheoretische Annäherung an den Übergangsbegriff aus der Perspektive der beruflichen Bildung zu ermöglichen. Zugleich soll ein neuer Blickwinkel auf die Formierung und Veränderung von Gegenstandsfeldern im Zentrum disziplinärer Wissensordnungen und (Selbst-)Verständlichkeiten eröffnet werden.

Identifikationsnummern

  • REPORT NUMBER: RWTH-2017-10836

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